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Mittwoch, 1. Februar 2012

Kindesunwohlpreis 2012

1. Februar 2012
Wer sich um ein Kind nicht kümmert wird Honorarprofessor?

Ein Kind ist tot, wird vom drogensüchtigen Ziehvater in einen Kühlschrank gesteckt - der Fall Kevin hat 2006 Schlagzeilen gemacht, für das Bremer Jugendamt war der Zweijährige wohlauf, der Behördenleiter hatte sich um das Schicksal des Jungen nicht gekümmert, er wurde anschließend an der Bremer Hochschule versteckt und soll dort nun Honorarprofessor werden.

Beim Thema Jugendämter ist Wundern über unglaubliche Schlampereien und deren Folgenlosigkeit längst passe - wie jetzt in Hamburg bei der toten Chantal. Deswegen ist auch die erneut hohe Beteiligung an meiner Kindesunwohl-Umfrage kein Wunder. Im Januar 2012 sind bereits 93 Stimmen abgegeben worden. Nicht mehr geradezu triumphal in Führung liegt das Jugendamt von Oldenburg in Oldenburg mit 58 Stimmen. Münster hält mit 26 Stimmen Anschluss. Mönchengladbach und Verden, das sich derzeit um ein Pflegekind so kümmert wie wir das ungestraft nicht einmal mit einem Hamster dürften, folgen abgeschlagen mit je einer Stimme.

Da sieben Umfrageteilnehmer ein anderes Jugendamt vorgeschlagen haben, werden diese Jugendämter nun ebenfalls ins Rennen geschickt, bei dem es um die Frage geht "Welches Jugendamt kümmert sich am meisten um das Kindesunwohl?"

Sonntag, 16. Januar 2011

Bei Anruf Kind weg

16. Januar 2011
Auch wenn es einem Mädchen prächtig geht

Im Süden von Deutschland: Eine Mutter geht mit ihrer kleinen Tochter zum Kinderarzt. Die Untersuchung ergibt: Dem Mädchen geht es prächtig. Zur gleichen Zeit trudelt beim Jugendamt eine Gefährdungsmeldung ein. Das Kind werde vernachlässigt, heißt es. Drei Tage später ist das Mädchen weg. Die Bescheinigung des Arztes wird ignoriert.

Heiß diskutiert wird in Italien derzeit der Fall Colombo. "In Deutschland gehören die Kinder dem Staat", sagt diese Mutter immer wieder vor laufenden Fernsehkameras. Im Frühjahr 2010 hat sie ihre Kinder zum zweiten Mal aus Deutschland entführt. Das Münchner Familiengericht urteilte zwar, dass die Jungen beim Vater besser aufgehoben wären, aber in Italien wird Marinella Colombo als "La Mama" gefeiert, obwohl auch ein Gericht aus Mailand gegen sie entschied. Sie hat Nicolo (8) und Leonardo (12) gut versteckt. Niemand kann sie finden.

In jeder Sendung über diesen Fall wird den Zuschauerinnen und Zuschauern eingetrichtert: Das Jugendamt ist eine Erfindung der Nazis. Das ist falsch. Die ersten Jugendämter gab es 1925. Basis war das 1924 in Kraft getretene Reichsjugendwohlfahrtsgesetz. Zu den Aufgaben gehörten die Sonderfürsorge für Minderjährige, die Krüppelfürsorge, die Heilfürsorge und die Fürsorgeerziehung. Heute ist in Deutschland Gesetz: Jeder Kreis und jede kreisfreie Stadt muss ein Jugendamt haben.

Im hohen Norden: Einem Ehepaar werden alle Kinder weggenommen. Sie kommen immer morgens. Eine der Begründungen für das Eingreifen des Jugendamtes lautet: Das Paar zieht seit 1976 zu oft um. In jenem Jahr ist die Mutter 13 Jahre alt. Wohnt bei ihren Eltern.

2009 sind 33 710 Kinder aus ihren Familien genommen worden, 31 Prozent mehr als 2005. 2006 stirbt in Bremen der kleine Kevin, ein Jahr später in Nördlingen die kleine Leonie. In den Jugendämtern steigt die Nervosität. Kommen sie zu spät, hagelt es Kritik. Deswegen kommen sie lieber zu früh, manchmal sogar grundlos.

"Bei Anruf Kind weg" hat kürzlich die Presse berichtet. Über eine gehörlose Mutter aus Hamburg, die sich vom Jugendamt Hilfe erhoffte. Inzwischen ist ihr Junge in einem Heim - nach zwei Jahren in einer Pflegefamilie. Die Mutter sei psychisch labil, behauptet das Jugendamt. Kein Wunder, sagt sie, wenn einem das Kind einfach so weggenommen wird...

Schon seit Jahren steht die Forderung im Raum: Schafft eine Fachaufsicht für Jugendämter. Das Bundeskabinett denkt über eine Schiedsstelle nach. Bis dahin wird so manches Jugendamt noch diese Argumentationskette vorstanzen: Erst ist es für eine Rückkehr der Kinder zu früh, dann zu spät.

Donnerstag, 19. November 2009

Totes Kind im Kühlschrank

19. November 2009
Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch: Ein Mann liegt daneben

„Als die Polizisten kurz nach sieben Uhr morgens die Wohnungstür aufbrachen, zeigte der Vater bloß zum Kühlschrank. Dort drinnen lag Kevin. Die Leiche des zweieinhalbjährigen Kindes war kaum 90 Zentimeter groß und erbarmungswürdig zugerichtet: Kevins linker Oberschenkel war gebrochen, ebenso das rechte Schienbein, auch ein Arm. Dazu hatte der blonde Junge schwere Kopfverletzungen, an denen er möglicherweise gestorben ist.“


Berichtet der „Spiegel“ am 16. Oktober 2006. Deutschland ist entsetzt, Jugendämter geraten in Panik. Gelesen werden solche Meldungen auch in der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch, Professor Dr. phil. Ruthard Stachowske baut sie in seine Vorträge ein.

Doch nicht nur das. Der konkrete Fall: Eine Mutter will allein mit ihrem Kind sein, wenn sie in Lüneburg zu Besuch ist. Ein Gutachter äußert keine Bedenken, auch das Jugendamt hat nichts dagegen, das Familiengericht ebenfalls nicht. Stachowske, der bei solchen Gelegenheiten zu Aussagen neigt, die mit der Sache wenig oder gar nichts zu tun haben, ergeht sich jedoch in dunklen Andeutungen und behauptet, die Mutter stelle eine Gefahr für ihr Kind dar.

Außerdem habe diese Mutter nicht nachgewiesen, dass sie inzwischen drogenfrei ist. Tauche sie dennoch in der Einrichtung auf, werde erst einmal eine Urinprobe veranlasst, um die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch vor der „Drogenszene“ zu schützen.

Solche Schreiben unterzeichnet Stachowske einmal als „Psychologischer Psychotherapeut“ oder als „Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut“, dann wieder lediglich als „Leiter der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch“. Experten kommen stets zu dem Ergebnis: Der Mann liegt daneben.

Ende 2007 ist das Kind seit fast einem halben Jahr in der Einrichtung, das Familiengericht stellt fest: „Konkrete Therapien (mit dem Kind, der Verf.) gibt es offenbar nicht, was die gestrige Anhörung ergeben hat.“ Mittlerweile schütteln viele mit dem Kopf, ein Gutachter telefoniert mit Stachowske und teilt der Richterin mit, dass sein Gesprächspartner Bedenken nicht erhärten könne.

Drei Monate später wird dieses Kind in einer anderen Einrichtung sein, die Leiterin schreiben, dass die Kleine die Gruppe mitreißt, aufgeweckt sei sie und fröhlich. Das Jugendamt wird knapp zwei Jahre später Betroffene bitten: „Informieren Sie alle, die mit Drogentherapie zu tun haben, über die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch.“